Völkerwanderung

6. Mai 2012
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Der Weg quer durch Europa durch Raum und Zeit.

Was ist passiert, dass die so organisierte, genau strukturierte und geplante römisch-griechische Zivilisation, die bis heute noch in Sprache, Gesetzgebung, Philosophie, Architektur und Ingenieurskunst unser Denken beeinflusst, von scheinbar barbarischen Horden weggefegt worden ist? Nach Aussagen von Tacitus unterschieden sich die Germanen von Tieren nur durch ihre Arme und Beine, die ihnen etwas Menschenähnliches gaben.

Das römische Reich zerstörte sich selbst schon über Jahrhunderte durch innere Konflikte. Egomanie, Intrigen und Morde am Kaiserhof zeigten nur die Richtungs- und Führungslosigkeit. Das Reich zerfiel in Ost-Rom und West-Rom.

Die germanischen Stämme hatten Kontakt mit den römischen Außenposten entlang des Rheins. Römische Händler zogen in den Norden, um Felle, Bernstein und goldenes Frauenhaar zu kaufen. Die Germaninnen schnitten ihre langen Zöpfe ab. Dieses Haar wurde in Rom zu Perücken für die mondäne Damenwelt der römischen Schickeria verarbeitet.

Germanen lernten durch den Tauschhandel die römische Zivilisation kennen, hörten von dem Land, das kein Eis und keinen Schnee kannte, und tranken von dem berauschenden Getränk, dass aus Beeren gemacht wurde.

Erwuchsen so Begehrlichkeiten bei den Völkern östlich des Rheins? Aber war das Grund genug, seine angestammte Heimat zu verlassen und fortzugehen? Es waren nicht nur ein paar junge, mutige Männer, die auf Abenteuersuche waren. Nach römischen Beschreibungen war es ein Treck von Hunderttausenden mit Frauen und Kindern, mit Ochsenkarren, die das wenige Hab und Gut transportierten.

Lange Zeit meinte man, der Einbruch der Hunnen nach Ostmitteleuropa 375/376, die damit eine Fluchtbewegung anderer Völker in diesem Raum auslöste, sei Ursache der Völkerwanderung gewesen. Doch das ist nur begrenzt richtig.

Der Exodus begann im Norden, in Südschweden und Jütland mit dem Volk der Kimbern. Bei neueren forensischen und anthropologischen Untersuchungen der Moorleichen ergab sich, dass für viele, die eines natürlichen Todes gestorben sind, Hunger die Hauptursache ihres Todes war. Hunger trieb die Menschen scharenweise aus dem Land. Der Mageninhalts eines elfjährigen Jungen, der bekannten Moorleiche des Kindes von Windeby aus der Zeit vor 2000 Jahren, wurde in Dänemark untersucht. Englische Wissenschaftler, die dieses “Müsli” aus Nüssen und Samenkörnern rekonstruierten, meinten, es sei ungenießbar.

Das Wort „kimbern“ bedeutet bei den Galliern „rauben“. Bauern ohne Land, die als Nomaden herumziehen mussten, sahen für sich keine andere Chance, als sich das von anderen zu holen, was sie zum Überleben brauchten, freiwillig oder gewaltsam. Die Kimbern waren, um einen Begriff der heutigen Zeit zu benutzen, Wirtschaftsflüchtlinge. Sind hier nicht Parallelen zum Heute, nur dass die Flüchtlinge nicht vom kalten Norden kommen, in dem alles erfriert, sondern aus dem Süden, in dem das Wasser zur Mangelware wird? Was damals eine Flucht von Nord nach Süd war, ist heute eine Flucht aus den Dürregebieten des Südens Richtung Norden über das Mittelmeer mit seeuntauglichen Booten. Wenn wir daran denken, haben wir eine Andeutung vom dem, was in der Zeit der Völkerwanderung passiert sein muss.

Es muss ein organisierter Aufbruch gewesen sein: man war auf der Suche nach neuem Siedlungsgebiet. Ganze Dörfer waren unterwegs. Zuerst verschlug es die Kimbern nach Südosten. In Bulgarien und Rumänien fanden sich Spuren von ihnen. Dort traf man auf das Volk der Daker. Der Gundis-Bund-Kessel, einer der größten Kunstschätze Dänemarks, ist ein Zeichen, dass nicht alle Begegnungen mit anderen Völkern gewalttätig waren. Lange Zeit glaubten die Archäologen, dass der Kessel im Norden geschaffen worden sei, da viele Darstellungen wie die Krieger und ihre gewaltigen Blashörner und Schilde darauf schließen ließen. Doch nur dakische Silberschmiede hatten diese Kunstfertigkeit. Auf dem Gefäß sind Delfine und Geparden und eine dakische Göttin zu sehen, sodass anzunehmen ist, dass der Kessel als Geschenk nach Jütland kam, wo er in einem Moor gefunden wurde.

Die Völkerwanderungszeit fällt in die Spätantike und bildet damit ein Bindeglied zwischen der klassischen Antike und dem Beginn des europäischen Frühmittelalters, da man sie beiden Epochen zurechnen kann. Die Völkerwanderung stellt allerdings keinen einheitlichen und in sich abgeschlossenen Vorgang dar.

Bis heute kann nicht sicher erklärt werden, warum ein Reitervolk aus einem Gebiet, das sich zwischen dem heutigen Kasachstan und der Mongolei erstreckte, nach Westen zog und die dort ansässigen Völker unterjochte. In neuerer Zeit gibt es Mutmaßungen, dass es sich auch hier um eine Klimakatastrophe gehandelt haben könne. Neuere dendrologische (Dendrologie = Baumkunde) Untersuchungen weisen auf eine anhaltende Kälteperiode im 5. Jh im Nordosten des eurasischen Raums hin. Eine nur geringe Wachstumsphase ist an den Baumscheiben jener Epoche zu erkennen. Auch in späteren Zeiten erfroren die Kälte gewohnten Yaks, die Rinder der Mongolen, im Stehen. Möglich, dass sich durch lange Kälteperioden weder Mensch noch Tier ausreichend mit Nahrung versorgen konnten. Rückwirkend betrachtet ist es möglich, dass die isländischen Vulkane wieder eine Rolle spielten. Wer kann das mit Sicherheit sagen? Gibt es eine Hungersnot als Auslöser der massiven Bewegung dieser Nomadenvölker? Begannen sie deswegen, sich mit Gewalt das zu beschaffen, was sie zum Überleben brauchten? Diplomatische Verhandlungen waren in der Zeit der Spätantike und im frühen Mittelalter unbekannt. Hier galt das Recht des Stärkeren.

Hunnenkönig Atilla

Hunnenkönig Atilla – Kupferstich (Quelle: Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (DIPF))

Dieses Volk waren die Hunnen, die raubend und mordend die germanischen Stämme östlich der Weichsel heimsuchten und sie, immer nach Westen drängend, vor sich her trieben. Warum waren die Hunnen den anderen Völkern überlegen? Sie brachten eine militärische Technologie mit, die den Germanen und Römern bis dahin völlig fremd war. Ihre Pferde trugen Sättel, wie sie noch heute im asiatischen Raum benutzt werden. Das Besondere am Sattel war sein hölzernes Gestell. Dieses verschaffte dem Reiter durch einen nach vorn und hinten hochgezogenen Steg, den Sattelbaum, in allen Gangarten großen Halt. Bei der römischen Reiterei konnte es vorkommen, dass während einer Schlacht Reiter das Gleichgewicht verloren und stürzen. Die zweite Neuerung war der Reflexbogen, eine verheerenden Schusswaffe, die aus vollem Lauf vom Reiter abgeschossen werden konnte. Der Reflexbogen war nicht starr wie die bisher bekannten, sondern verfügte über eine Federung und damit größere Spannkraft, die eine höhere Geschwindigkeit, Weite und Treffsicherheit bewirkte. Die Hunnen waren kein wilder Haufen von anarchischen Freischärlern. Im Gegenteil waren sie ein gut organisiertes Volk mit einer eigenständigen Kultur und Religion, das seinem Großkönig und einer klaren Befehlskette folgte.

375 n. Chr. kann als ein Schicksalsjahr bezeichnet werden. Die Hunnen fielen ins Siedlungsgebiet der Ostgoten ein. Wie ein Dominospiel geriet alles in Bewegung. Viele germanische Stämme zogen nach Südwesten. Die Ostgoten unterwarfen sich dem Hunnenkönig Attila. Der alte Gotenkönig Theoderich wollte nicht mit ansehen, wie sein Volk seine Würde verliert, und entleibte sich vor den Augen seiner Fürsten. Das Hildebrandlied aus dem 9. Jh., eines der ältesten poetischen Textzeugnisse, besingt sein Ende.

Indessen flüchteten die Westgoten aus ihrem angestammten Lebensraum, dem heutigen Rumänien, nach Westen. Sie überquerten die Donau, zogen über Ungarn und den Balkan, und kamen bis vor die Tore Roms. Durch archäologische Funde und ihre Datierung weiß man heute, wohin ihre Wanderung ging. Der Adler war ein typisches Motiv, das in den verschiedenen Regionen, durch die sie zogen, zu finden ist. Sie wollten Bürger des römischen Reiches werden. Zuerst gewährte Kaiser Valens ihnen das Recht, sich anzusiedeln. Das politisch und militärisch immer schwächer werdende Römische Reich brauchte die Westgoten als Schutzmauer gegen die anrückenden Hunnen. Sie wurden an den Nordostgrenzen um die Mitte des 4. Jh. als so genannte Foederati angesiedelt.

Unter Kaiser Theodosios wurde 381 das Christentum im Römischen Reich Staatsreligion. Auch die Westgoten waren Christen geworden, allerdings arianischer Prägung und nicht lateinisch-trinitinisch. Der gotische Bischof Wulfila verfasste eine Bibel in gotischer Sprache (Wulfilabibel), die zum einigenden Band der arianischen Germanenstämme wurde. Sie anerkannten den Bischof von Rom als obersten Priester, hatten aber theologisch andere Ansichten. Jesus war in ihren Augen Gott untergeordnet. Sie vertraten nicht die staatlich und kirchlich bevorzugte Trinitätslehre.

Die Goten kämpften erst Seite an Seite mit den Römern. Sie hofften, dadurch römische Staatsbürger zu werden. Kaiser Honorius (384-423) lehnte ihre Gesuche aber zweimal ab. Er glaubte nicht an ein friedliches Zusammenleben von Römern und Germanen, wie es ihm Alarich vorschlug. Er unterstellte seinem römischen Feldherrn Stilicho sogar, sich mit dem Goten gegen ihn zu verschwören und ließ ihn hinrichten. Anschließend wurde ein Blutbad unter den gotischen Frauen und Kindern angerichtet. Das war der Anlaß zum Kampf um Rom. Die Stadt wurde belagert. Als Tribut für seinen Rückzug forderte Alarich 5.000 Pfund Gold 30.000 Pfund Silber, 4.000 seidene Gewänder, 3.000 rot gefärbte Häute und 3.000 Pfund Pfeffer.

Die in Rom lebenden Sklaven verbündeten sich mit den Westgoten. 409 fielen die Kornkammern im nahe gelegenen Hafen von Pontus in die Hände der Germanen. Rom wurde ausgehungert. 410 marschierten Alarichs Kämpfer in Rom ein. Auf sein Geheiß durften Priester nicht angegriffen und Kirchen nicht geplündert oder zerstört werden. Sein Ziel, rechtmäßig Landbesitz zu erwerben, hat Alarich dennoch nicht erreichen können. Alarich, der im Donaudelta geboren wurde, starb um 410 in Cosenza und wurde der Sage nach, sie wurde 300 Jahre nach seinem Tod verbreitet, im Flussbett des Busento begraben.

Alarichs Nachfolger wurde sein Schwager, da er keine eigenen Nachkommen hatte. Athaulf bahnte ein neues Königtum an, indem er die Schwester von Kaiser Honorius, Galla Placidia, gegen den Willen ihres Bruders heiratete. Nach der Hochzeit trug Athaulf römische Kleidung und eroberte Südwestgallien im Jahre 418. Man suchte nach neuen Wegen des Zusammenlebens. 475 wurde das erste gotische Rechtsbuch niedergeschrieben, der Codex Euricia.

Eines der wenigen Fundstücke jener Zeit ist zu sehen im Museo Arqueológico Nacional Madrid
Fundort: Alovera (Province of Guadalajara, Castile-La Mancha, Spain). Eine Fotografie der gotischen Adlerfibel ist bei Wikipedia zu sehen.

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